Geschichte der ÖLWG

Die Österreichische Ludwig Wittgenstein Gesellschaft wurde 1974 zunächst als ein lokaler Wittgenstein Verein gegründet. Bis um die Mitte der 1980-er Jahre war in Österreich der Name „Wittgenstein“ nur einigen wenigen Spezialisten bekannt. 1986 schrieb ein Kenner der österreichischen Szene, Peter Weibel: „Wittgenstein wurde vor zehn Jahren in Wien noch total ignoriert. Erst die regelmäßig stattfindenden Wittgenstein Symposien und die deutsche Übersetzung von ‘Wittgenstein’s Vienna’ haben die Bevölkerung erkennen lassen, dass Wittgenstein ein wichtiger Wiener ist.“
Heute hat sich auch bei uns eine Art Kult um Wittgensteins Person und seine Werke gebildet. Der letzte Satz des Tractatus, „Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen“, ist zum geflügelten Wort geworden, das schon einmal ein Abgeordneter im österreichischen Parlament einem anderen an den Kopf geworfen hat. Auch unsere Tages- und Wochenzeitungen veröffentlichen nunmehr Artikel zu Wittgenstein, vom Profil bis zur populären Kronen Zeitung. Der Mythos „Wittgenstein“ wird uns hier jedoch nicht weiter beschäftigen. Wenn man die Geschichte der Wittgenstein Gesellschaft, ihrer Symposien und anderer ihrer Aktivitäten betrachtet, dann wird es klar, dass sie in hohem Maße zur philosophischen Entwicklung beigetragen hat; andere Entwicklungen, die Förderung des österreichischen Tourismus und der österreichische Wittgenstein-Kult, waren eine Folge-Erscheinung, eine Nebenwirkung, aber kein Motiv.  So kam es 1976 zu den Wittgenstein-Tagen (24.—26. April). Im Rückblick wurden diese Wittgenstein-Tage in „Erstes Internationales Wittgenstein Symposium“ umgetauft. Es regnete, die Fahnen, die rot-weiß-roten österreichischen und die blau-gelben niederösterreichischen, trieften von Regen, eine Blaskapelle spielte vor dem Kirchberger Kloster, ein Besucher sang lauthals mit, der Stellvertreter des Landeshauptmanns von Niederösterreich, Mag. Siegfried Ludwig, hielt eine Rede, die erste Wittgenstein Dokumentation im Kloster wurde offiziell eröffnet, auf der Bühne im Speisesaal des „Hotel Post“ hielten fünf Mitglieder des Komitees Vorträge über wichtige Aspekte von Wittgensteins Philosophie.
Ohne Zweifel waren und sind die Wittgenstein Symposien ein außerordentlicher internationaler Erfolg. Die zwei ersten Wittgenstein Symposien waren ausschließlich Wittgenstein gewidmet. Es war uns klar, dass wir nicht Jahr für Jahr Symposien, die allein Wittgenstein zum Thema haben sollten, für eine große Zahl von Vortragenden veranstalten könnten — einige Ausnahmen gibt es. Aber im Prinzip gibt es jedes Jahr ein anderes Haupt-Thema und dazu immer eine Wittgenstein Sektion. Jedes Jahr werden so Vorträge zu den neuesten Forschungen auf dem Gebiet der Analytischen Philosophie, Wittgensteins Philosophie, der Wissenschaftstheorie und verwandter Gebiete geboten. Die wichtigsten und berühmtesten Philosophen und Philosophinnen, aber auch bedeutende Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen auf dem Gebiet der Natur- und Sozialwissenschaften (darunter künftige Nobel-Preisträger) wurden zu Vorträgen eingeladen. Dass auch die empirischen Wissenschaften auf unseren Konferenzen eine große Rolle spielen, ist ganz im Sinne Wittgensteins; schließlich hatte er Ingenieurwissenschaften studiert und an Experimenten mitgearbeitet, was sich auch im Tractatus spiegelt.
Die gemütlichen Gasthäuser und Hotels in Kirchberg und Umgebung trugen und tragen in hohem Maße zur wissenschaftlichen — und manchmal nicht so wissenschaftlichen — Diskussion und zum Ideen-Austausch bei. Für solche Szenarien kann man sich an einen Ausspruch Wittgensteins halten: „Beim Philosophieren muß man in’s alte Chaos hinabsteigen, & sich dort wohlfühlen.“ Verschiedene Schriftsteller haben die Symposien in ihren Romanen beschrieben, so zum Beispiel L. Moniková in „Treibeis“ und G. Schmickl in „Alles, was der Fall ist“.

Alles in allem: Die Geschichte der Wittgenstein Gesellschaft, der Wittgenstein Symposien und ihrer Publikationen ist eine Erfolgsgeschichte. Der Erfolg ist zum Teil dadurch vorprogrammiert, dass die eingeladenen Vorträge von Mitgliedern einer internationalen wissenschaftlichen Elite gehalten werden, ohne dass die Symposien selbst elitär sind.  Dies sieht widersprüchlich aus. Wie ist es möglich, eine Konferenz mit einer bestimmten, fest umrissenen philosophischen Ausrichtung zu sein, und doch keine elitäre Veranstaltung eines Klubs von Eingeweihten? Zunächst: Alle Vorträge und sonstigen Veranstaltungen können von allen Interessierten besucht werden. Bei den nicht eingeladenen, beigetragenen Vorträgen wird einfach nach der Qualität des eingereichten Vortrags entschieden, und ob er, bei großzügiger Auslegung unserer philosophischen Ziele, zum Thema passt. Daher sprechen auf den Wittgenstein Symposien auch viele Studenten und Studentinnen, von denen gar nicht so wenige nachher Professoren und Professorinnen geworden sind. So wird einerseits das Ziel der Gesellschaft erfüllt, eine bestimmte Philosophie zu vertreten. Andererseits: Wie auf einer Agora diskutiert hier jeder mit jedem, unabhängig vom institutionellen Rang, der (künftige) Nobelpreis-Träger mit einer Studentin, der Lehrer an einem Gymnasium mit der Inhaberin eines Lehrstuhls, ...
Zusätzlich bemühen wir uns, dass neben den Vorträgen auch etwas zur Erholung geboten wird: Konzerte, Ausstellungen, eine Weinkost, Lesungen und Buch-Präsentationen; Wittgenstein-Theaterstücke wurden dort uraufgeführt, und jedes Jahr gibt es eine Führung durch die Wittgenstein-Dokumentation „Wittgenstein und Trattenbach“ im denkmalgeschützten „Schachnerstüberl“ in Trattenbach, mit anschließendem Umtrunk im Garten.
Prinzipiell hat die Gesellschaft also die Haltung, dass sie nicht eine geschlossene Gesellschaft sein will, eine Wittgenstein-Kirche oder -Sekte, sondern eine Agora, ein Forum, ein Marktplatz, oder, um Poppers Worte zu paraphrasieren, eine „offene Gesellschaft“ für alle, die an dieser bestimmten Philosophie interessiert sind.  Dies ist also die Geschichte der Wittgenstein Gesellschaft bis heute. Man könnte hier eine schier endlose Liste von Personen aufstellen, deren verflochtene Biographien diese Geschichte ausmachen, eine Liste, die die Namen der Vortragenden, der Teilnehmer und Teilnehmerinnen, der Mitglieder des Komitees der Gesellschaft und der wechselnden Programm-Komitees, von Regierungsbeamten und Politikern, von Bürgermeistern und Gestaltern und Gestalterinnen von Ausstellungen, Musikern und Musikerinnen, Gastwirten und –wirtinnen, Vertretern der Medien und Verlagsleuten, Bildenden Künstlern und Künstlerinnen, Vortragenden von literarischen Werken, und nicht zuletzt die Namen der Mitglieder der „Crew“ enthält, neben vielen anderen, die hier noch genannt werden könnten.
Wollen wir der Versuchung widerstehen, mit einem Wittgenstein-Zitat zu schließen? Natürlich nicht — und hier ist eines, das sowohl auf die Philosophie im Gefolge Wittgensteins, ja auf alle wissenschaftlichen Tätigkeiten, passt, als auch auf die Aktivitäten der ÖLWG selbst:
„Auf seinen Lorbeeren auszuruhen ist so gefährlich, wie auf einer Schneewanderung ausruhen. Du nickst ein & stirbst im Schlaf.“

Text von Elisabeth Leinfellner für das Buch “Wir hofften jedes Jahr noch ein weiteres Symposium machen zu können”, gekürzt und aktualisiert von S.Windholz.

Podium 1976
1. Wittgenstein Symposium 1976
( v.l. n. r.) Elisabeth Leinfellner, Werner Leinfellner, Rudolf Haller (am Podium), Paul Weingartner, Adolf Hübner)