Otterthal 1924-1926

Wittgensteins Schule in Otterthal 1925 mit seinem Autograph
Wittgensteins Schule in Otterthal 1925 mit seinem Autograph "My School" auf der Postkarte

In Otterthal (auch: Ottertal) wurde Wittgenstein für eine kurze Zeit “sesshaft”. Er wohnte, wie andere Lehrer auch, in der Schule; sie steht noch heute. Jeder hatte dort ein Zimmer für sich, allerdings gab es keine Kochgelegenheit. Die Lehrer, auch Wittgenstein, aßen daher in Rottensteiners Gasthof „Zur Post“.

Otterthal war von 1924 bis 1926 die letzte Station Wittgensteins als Volksschullehrer. Sein Aufenthalt endete unglücklich. Wie aus vielen Berichten hervorgeht, neigte Wittgenstein dazu, die Schülerinnen und Schüler – ganz entgegen der glöckel’schen Schulreform – körperlich zu bestrafen. In Otterthal führte dies zu einer Katastrophe. Wittgenstein hatte einem Schüler ein paar Ohrfeigen gegeben. Der Schüler, der, wie sich später herausstellte, an Leukämie litt, wurde ohnmächtig. Beim Dienstaufsichtsverfahren wurde Wittgenstein zwar von jeder Schuld freigesprochen, aber er schied dennoch auf eigenen Wunsch aus dem Schuldienst aus.

Eine Vorahnung dieser Entwicklung findet sich in einem Brief Wittgensteins vom 18. Oktober 1925 an seinen Freund, den Ökonomen John Maynard Keynes (1883-1946): “Ich habe beschlossen, Lehrer zu bleiben, so lange bis ich fühle, dass die Schwierigkeiten, in die ich auf diese Weise gerate, mir gut tun. Wenn man Zahnweh hat, dann tut es gut, wenn man eine Wärmflasche aufs Gesicht legt. Aber das wirkt nur so lange, als die Hitze der Wärmflasche einigen Schmerz verursacht. Ich werde die Wärmflasche wegwerfen, wenn ich herausfinde, dass sie mir nicht mehr diese besondere Art von Schmerz verursacht, die meinem Charakter gut tut. Das heißt, wenn man mich nicht zuvor hinauswirft.”

So erfüllte sich letztlich, was er am 12. September 1925 an Eccles geschrieben hatte: „Ich versuche mich wieder in meinem alten Beruf, wie Du von dieser Postkarte sehen kannst. Jedoch fühle ich mich jetzt nicht so elend, weil ich mich entschlossen habe, zu Dir zu kommen, wenn es zum Schlimmsten kommt, was früher oder später eintreten wird.“ Ähnlich pessimistisch hatte Wittgenstein sich bereits Ende Oktober 1924 gegenüber Hänsel geäußert: Er sei der Arbeit nicht gewachsen, „und ich werde ein klägliches Ende nehmen“.

Aus Otterthal schickte Wittgenstein auch an seinen Freund Koder Briefe und eine Postkarte, auf der er selbst und seine Klasse abgebildet waren. Sein Kommentar dazu: „Ich sehe aus wie ein degenerierter Raubvogel.“ Dies wird sich wohl auf die bekannte Photographie beziehen, die Wittgenstein und die Schüler vor der Otterthaler Schule zeigt.

Trotz aller bösen Vorahnungen war auch in Otterthal nicht alles grau und trüb. Vergnügt schrieb Wittgenstein am 24. April 1925 an Koder: „Auch hier in meinem idyllischen Otterthal wird mein Geburtstag, den ich am liebsten geheim gehalten hätte, von der Bevölkerung durch eine mächtige Demonst[r]ation gefeiert. Aus allen Gauen der Waldmark strömen Tausende und Abertausende herbei; um ihren geliebten Lehrer an seinem Jubeltag zu begrüßen und dem Wunsche Ausdruck zu verleihen, er möchte noch viele Jahre zum Wohle der vaterländischen Jugend wirken und dadurch auch den jüngeren Kräften – wie z.B. Dir – ein Beispiel und Ansporn der Aufopferung und Pflichttreue sein. Ich selbst werde an diesem Tage über den Achtstundentag, den Völkerfrieden und die Arbeitslosenunterstützung reden.“

In Otterthal verfasste Wittgenstein das zweite und letzte Buch, das zu seinen Lebzeiten gedruckt wurde, das „Wörterbuch für Volksschulen“. Es erschien zuerst 1926 und dann 1977 als Faksimile in Wien, beide Male bei Hölder-Pichler-Tempsky. Dies war der Anstoß, die „Schriftenreihe der Wittgenstein Gesellschaft“ bei demselben Verlag herauszugeben.

Wittgenstein mit seinen Schülern in Otterthal 1925
Wittgenstein mit seinen Schülern in Otterthal 1925

Hier in Otterthal endete die Laufbahn Ludwig Wittgensteins als Volksschullehrer. Sein weiterer Weg wird ihn über Wien nach Cambridge führen, wo er schließlich Professor an der Universität und berühmt werden wird. Und er wird als Professor in Cambridge geradeso glücklich oder unglücklich sein, wie als Schullehrer in Trattenbach, Haßbach, Puchberg und Otterthal, denn „Das Leben ist nirgends leicht“, wie er 1923 aus Puchberg an seinen Freund Hänsel geschrieben hatte.

Zeugnis, unterschrieben von Wittgenstein