Trattenbach 1920-1922

Foto vom Eingang zur Daueraustellung Wittgenstein in Trattenbach
Eingang zur Dauerausstellung in Trattenbach

„SN3 § 445 ovvero Berkeley-Napoli via Berlino-Ginevra-Trattenbach-Pisa-Mistretta (e forse ritorno)“, so lesen wir in einer Ankündigung für einen Konferenzvortrag. Auch wenn wir keine Ahnung haben, was der ganze Vortragstitel bedeuten soll – eines wissen wir: „Trattenbach“ ist eine Chiffre für „Wittgenstein“, denn Trattenbach war ab September 1920 die erste Station auf Wittgensteins Karriere als Volksschullehrer. Damals hatte die Gemeinde ungefähr 800 Einwohner. Laut einer Chronik unterrichtete Wittgenstein in den Jahren 1921/1922 ungefähr 70 Schülerinnen und Schüler.

Ein Reiseführer von 1898 beschreibt Trattenbach als „idyllisch“ und fügt hinzu: „mit einfachem aber gutem Gasthause“. Ganz ähnlich war auch Wittgensteins erster Eindruck, den er am 11. Oktober 1920 in einem Brief an Engelmann festhielt: „Ich bin jetzt endlich Volksschullehrer und zwar in einem sehr schönen und kleinen Nest, es heißt Trattenbach (bei Kirchberg am Wechsel, N.Ö.). Die Arbeit in der Schule macht mir Freude und ich brauche sie notwendig; sonst sind bei mir gleich alle Teufel los.“

Spätere Beschreibungen waren weniger freundlich. So heißt es bei W.W. Bartley, einem Biographen Wittgensteins: „Obwohl Trattenbach in den Bergen liegt, gehört es nicht zu Österreichs anziehenderen oder hübscheren Dörfern. […] Heutzutage ist Trattenbach ein unordentliches, ungepflegtes Nest mit tristen Häusern. Zu Wittgensteins Zeit muss es noch viel trister ausgesehen haben.“

Unter dem Eindruck, dass er in Trattenbach als Lehrer seiner Schüler, als Lehrerkollege und als Dorfbewohner nicht zurechtkam, verkehrte sich auch Wittgensteins Urteil ins Gegenteil. Am 23. Oktober 1921 schrieb er an Russell: „Bei mir hat sich nichts verändert. Ich bin noch immer in Trattenbach und bin nach wie vor von Gehässigkeit und Gemeinheit umgeben. Es ist wahr, dass die Menschen im Durchschnitt nirgends sehr viel wert sind. Aber hier sind sie viel mehr als anderswo nichtsnutzig und unverantwortlich. Ich werde vielleicht noch dieses Jahr in Trattenbach bleiben, aber länger wohl nicht, da ich mich hier auch mit den übrigen Lehrern nicht gut vertrage.“

Russell versuchte ihn zu beruhigen: Die Menschen seien überall gleich schlecht. Wittgenstein antwortete darauf am 28. November 1921: „Du hast recht: nicht die Trattenbacher allein sind schlechter, als alle übrigen Menschen; wohl aber ist Trattenbach ein besonders minderwertiger Ort in Österreich und die Österreicher sind – seit dem Krieg – bodenlos tief gesunken, dass es zu traurig ist, davon zu reden! So ist es.“

Die Antipathie beruhte bestimmt auf Gegenseitigkeit, und die Trattenbacher zahlten es dem ungeliebten Lehrer zunächst vielleicht heim. In der außerordentlich detailreichen Ortschronik von Trattenbach aus dem Jahr 1934, verfasst vom Lehrer Franz Scheibenreif, fehlt Wittgenstein in der sonst vollständigen Liste der Lehrer. Dabei war er immerhin zwei Jahre in Trattenbach.

Auf das heutige Trattenbach passen alle diese Beschreibungen nicht so recht: Der Ort ist zwar keine Idylle im gängigen Sinn, aber idyllisch ist er immer noch.

Wittgensteins Tätigkeit als Lehrer in Trattenbach hat auch einen ironischen Aspekt: Die Schule in Trattenbach war die erste Volksschule, die Wittgenstein so richtig von innen kennen lernte. Bis zu seinem 14. Lebensjahr wurde er ja von Hauslehrern unterrichtet. In den zwei Jahren, in denen Wittgenstein in Trattenbach unterrichtete, brachte er es fertig, vier Mal umzuziehen. Zunächst wohnte er im „Schachnerstüberl“, einem Nebengebäude des Gasthofs „Zum Braunen Hirschen“, höchstwahrscheinlich in der rechten Mansarde. Von dort vertrieb ihn die Tanzmusik, und er quartierte sich zunächst kurz beim Lehrer Berger ein, dann in der Küche der Oberlehrer-Wohnung in der Schule. In dieser Küche hackte er Holz auf dem Herdrand und auf dem Fußboden, die dann auch danach aussahen. Stundenlang saß er auf der Fensterbank des Küchenfensters und beobachtete den Sternenhimmel. Die nächste und letzte Station war für ca. 1 1/2 Jahre eine Kammer im Obergeschoß des Scheibenbauer-Hauses, das heute noch steht. Wittgensteins Zimmer befand sich zwischen zwei anderen, es konnte nur von außen über einen Steg erreicht werden. Hier, wie auch in seinen anderen Behausungen oder auch in der Schule, erteilte er den besten Schülern kostenlosen Privatunterricht, um sie aufs Gymnasium vorzubereiten.

Auch die Schule, in der Wittgenstein unterrichtete, gibt es noch. Die Spuren, die Wittgensteins Holzhacken dort hinterlassen hat, sind schon längst verschwunden, genau so wie die Spuren von Wittgensteins „handgreiflicheren“ Erziehungsmethoden.

Wenn man von Trattenbach auf dem „Wittgenstein-Weg“ in den Schlaggraben geht, kommt man zum Trahthof. Wittgenstein aß hier gewöhnlich zu Mittag. Damals war der – heute umgebaute – Trahthof ein sehr bescheidenes Anwesen. Einer der zwei Erwachsenen, zu denen Wittgenstein in Trattenbach ein gutes Verhältnis hatte, war die alte Trahtbäurin Christine Draht. Der andere war Pfarrer Neururer, ein Außenseiter wie Wittgenstein selbst. Als Wittgenstein die Trahtbäurin kennen lernte, war sie an die 70 Jahre alt. 1933 besuchte er die schwer kranke Christine Draht in Begleitung Neururers ein letztes Mal.

In der Vergangenheit war der Bauernhof und Gasthof „Zum braunen Hirschen“ (Nr. 83) mit seinem Sägewerk, einer Schmiede, einer Bäckerei und später einer Fleischhauerei das Zentrum der Gemeinde Trattenbach, das „angesehenste und bedeutendste Anwesen in Trattenbach“, wie es in der Scheibenreif-Chronik heißt. Heute ist der Gasthof nicht mehr in Betrieb und verfällt langsam.

Das zum „Braunen Hirschen“ gehörende „Schachnerstöckl“ oder „Schachnerstüberl“ mit Keller, Wohnung und Fremdenzimmern (Nr. 82) wurde 1838 erbaut. Es trägt seinen Namen erst seit 1930. Heute steht es unter Denkmalschutz. In diesem „Schachnerstüberl“ befand sich also Wittgensteins erste Wohnung in Trattenbach.

Der „Braune Hirsch“ war zur Zeit Wittgensteins keineswegs das einzige Gasthaus in Trattenbach. Z.B. wurde 1897 im Haus Nr. 72, das zur örtlichen Textilfabrik gehörte, ein Werkgasthof errichtet. Im „Schachnerstüberl“ befindet sich heute die liebevoll gestaltete Dauerausstellung „Ludwig Wittgenstein und Trattenbach“ – näheres unter www.volkskulturnoe.at/museen/0089.htm.

In einem Gasthof in Trattenbach wurde 1974 die Österreichische Ludwig Wittgenstein Gesellschaft gegründet.